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27.07.2010
 
Sonder-Newsletter Nr. 14 (Juli 2010)
 
Grenz√ľberschreitende Reproduktionsmedizin (GRM) ‚Äď IVF und ICSI im Ausland
Cross-border reproductive care (CBRC)

In Kreisen der Reproduktionsmedizin findet international gegenw√§rtig eine intensive Diskussion √ľber die GRM statt. Im Juni-Heft 2010 von Fertility and Sterility ist eine Artikelserien zu dieser Problematik publiziert worden, u. a. auch von Petra Thorn aus M√∂rfelden zusammen mit Sandra Dill aus Australien (The role of patients' organizations in cross-border reproductive care.) ). Leider sind dieser und die anderen Artikel nur online lesbar und m√ľssen bezahlt werden. Auch Human Reproduction befasst sich im Juniheft 2010 mit dieser Thematik: ( F. Shenfield et al., Cross border reproductive care in six European countries. )

GRM wird von Paaren aus verschiedenen Gr√ľnden in Anspruch genommen. Bei ‚ÄěSelbstzahlern‚Äú k√∂nnen es finanzielle Gr√ľnde sein, die zu einer Behandlung im osteurop√§ischen Ausland Veranlassung geben. Der weitaus h√§ufigste Grund f√ľr GRM sind jedoch gesetzliche Restriktionen im Heimatland, die in dieser Weise nicht im Ausland bestehen. F√ľr deutsche Paare betrifft das in erster Linie die Eizellspende. In einigen europ√§ischen L√§ndern ist gerade f√ľr die Oozyten-Donation eine hoch effektive Struktur aufgebaut worden, z.B. in Spanien. Die Erfolge dieser Therapie (Eizellen von jungen Spenderinnen) und auch die Zufriedenheit (und Gl√ľck) der Paare sind in der Regel hoch. In Anbetracht des reproduktionsbiologisch hohen Alters mancher Frau (√ľber 38 Jahre) beim Wunsch der Realisierung eines immer wieder aus verschiedenen Gr√ľnden in die Zukunft verschobenen Kinderwunsches ist der Bedarf gro√ü. In Deutschland ist die Eizell- im Gegensatz zur Samenspende verboten (EschG ¬ß 1). Es ist daher kein Wunder, dass in den ausl√§ndischen Institutionen deutsche Paare auf Deutsch sprechendes Personal treffen.

In einem fr√ľheren Sonder-Newsletter (Sonder-Newsletter Nr. 13) wurde auf die M√∂glichkeit der autologen Eizellspende verwiesen. Dies bedeutet, dass sich Frauen zwischen einem Alter von 35 und 38 Jahren Eizellen entnehmen lassen k√∂nnen, die mit dem Verfahren der Vitrifikation kroykonserviert werden k√∂nnen.

Viele Paare lassen sich jedoch im n√§heren europ√§ischen Ausland behandeln, da in diesen L√§ndern auf Grund einer anderen bzw. fehlenden gesetzlichen Regelung der Reproduktionsmedizin bessere Behandlungsresultate erzielt w√ľrden. Wenn es sich um eine √ľbliche IVF- und ICSI-Behandlung handelt (die Eizellen stammen von der Patientin selbst), ist dies nicht der Fall. Die mittleren Schwangerschaftsraten bei IVF und ICSI sind z.B. in √Ėsterreich nicht h√∂her als in Deutschland. Sie liegen bei Frauen im Alter bis zu 35 Jahren in beiden L√§ndern zwischen 35 und 40% pro Behandlungszyklus. Auch der Abfall des Behandlungserfolges nach dem 35. Lebensjahr ist in beiden L√§ndern √§hnlich.

Dass eine Behandlung z.B. in √Ėsterreich keinen Vorteil bietet, liegt an der neuen Implementation des Embryonenschutzgesetzes (EschG). Dies ist keine Aufweichung des EschG, wie der FOCUS f√§lschlicherweise in seiner aktuellen Ausgabe schreibt, sondern eine korrekte Lesart (Auslegung) des EschG, die die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse ber√ľcksichtigt und den Embryonenschutz mit der Beachtung der Gesundheit von Mutter und Kind (Vermeidung unn√∂tig vieler Behandlungen und von Drillingsschwangerschaften) vereint.

In diesem Zusammenhang sei auf folgende Publikationen verwiesen:
H.-L. G√ľnther, J. Taupitz, P. Kaiser. Embryonenschutzgesetz. Juristischer Kommentar mit medizinisch-naturwissenschaftlichen Einf√ľhrungen. Verlag W. Kohlhammer, 2008).

Bals-Patsch, M, Dittrich R, Frommel M. Wandel der Implementation des deutschen Embryonenschutzgesetzes. J Reproduktionsmed Endokrinol (2010) 7(2) 87-95

Frommel M, Taupitz, J, Ochsner A, Geisthövel F. Rechtslage der Reproduktionsmedizin in Deutschland. J Reproduktionsmed Endokrinol (2010) 7(2) 96-105

Die deutsche Reproduktionsmedizin richtet sich seit geraumer Zeit nach der in diesen Publikationen dargelegten Interpretation des EschG. Dies hat zu einem Anstieg der Schwangerschaftsrate bei IVF und ICSI in den letzten zwei Jahren um circa 40% gef√ľhrt (deutsches IVF-Register (DIR) der Jahre 2005 bis 2008).

Diese moderne Interpretation des EschG wird als Deutscher Mittelweg bezeichnet, da einerseits durch strikte Vermeidung einer missbr√§uchlichen Verwendung von Embryonen der Embryonenschutz gew√§hrleistet bleibt und andererseits unter Ber√ľcksichtigung des individuellen Prognoseprofils einer Patientin mit der Kultur mehrerer Embryonen sichergestellt wird, dass das reproduktionsbiologische Potential einer Patientin (eines Paares) mit dem Ziel einer effektiven Behandlung ausgesch√∂pft wird.

Eine ausf√ľhrliche Darstellung dieser Sachverhalte wird in der neuen (‚Äěkleinen Brosch√ľre‚Äú) des Kinderwunschzentrum Darmstadt geboten:

IVF ICSI IMSI
BLASTOZYSTENKULTUR
VITRIFIKATION VON EIZELLEN
DER ‚ÄěDEUTSCHE MITTELWEG‚Äú

Eine zusätzliche Information von Ferticonsult:
Der ‚ÄěDeutsche Mittelweg‚Äú gef√§hrdet allerdings so manches, bisher sehr eintr√§gliches √§rztliche Gesch√§ftsmodell im Ausland. F√ľr dieses Gesch√§ftsmodell wird fl√§chendeckend und mit nahezu w√∂chentlichen Veranstaltungen in ganz Deutschland geworben. Grunds√§tzlich ist es ohne Zweifel die freie Entscheidung eines Kinderwunschpaares, ob es sich im Ausland oder Deutschland behandeln lassen will. Es sollte jedoch wissen, dass die angegebenen Schwangerschaftsraten von ca 70% nicht der in diesen Zentren erzielten mittleren Schwangerschaftsrate, sondern derjenigen nach Blastozystentransfer entsprechen (siehe ‚ÄěKleine Brosch√ľre‚Äú). Dies ist zweifelsohne eine bewusste Irref√ľhrung von Kinderwunschpaaren, die sich sehnlichst einen Erfolg ihrer Behandlung w√ľnschen und bereit sind, daf√ľr gr√∂√üere Belastungen auf sich zu nehmen.

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Gerhard Leyendecker