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Endometriose

  Inhaltsverzeichnis

  5.1 Die Archimetra        5.2.1 Proliferation und Transformation

5.2 Funktionen der Archimetra

Es ist offensichtlich, da√ü sich die Neometra entwickelt hat, damit unter den Bedingungen der Lebendgeburt die erforderlichen Geb√§rkr√§fte f√ľr eine z√ľgige Geburt entwickelt werden k√∂nnen. Gerade beim Menschen ist wegen des relativen Mi√üverh√§ltnisses zwischen kindlichem Kopf und m√ľtterlichem Becken die Entwicklung einer zus√§tzlichen kr√§ftigen Muskelschicht erforderlich gewesen, die unter der Geburt den Uterus zum Aufbau eines erheblichen Innendruckes und damit zum Austreiben der Frucht bef√§higt.

Entwicklung des menschlichen Uterus
Schwangerschaftswoche
(nach dem Eisprung)
Entwicklungsstand
5+6Die M√ľllerschen G√§nge entwickeln sich
7+3Sie sind weit von einander getrennt
8Sie sind zu dem urspr√ľnglichen Uterus verschmolzen
13-18Bindegewebsfasern mit zirkulärer Anordnung umgeben Uterus und Eileiter
22-26Zirkuläre Muskelfasern (Stratum subvasculare)
27-39 (und nach der Geburt)Stratum vasculare und stratum supravasculare


Tabelle 3: Tabellarische Darstellung der zeitlichen Reihenfolge der menschlichen Uterusentwicklung (in Wochen nach der Ovulation). Während das Stratum subvasculare bereits am Ende der Embryonalperiode in Form von zirkulären Bindegewebsfasern angelegt ist, bilden sich die äußeren Muskelschichten erst später in der Schwangerschaft.

Die Archimetra versieht dagegen im wesentlichen Funktionen w√§hrend des fr√ľhen Prozesses der Reproduktion. Neben der Einnistung des Eies mit dem daf√ľr erforderlichen Aufbau der Schleimhaut handelt es sich um die uterine Peristaltik sowie um die Abwehr von Entz√ľndungen im inneren Genitale (Tabelle 4):

A. Primär vom Ovar gesteuerte zyklische Funktionen
Aufbau und Umbau des Endometrium zur Einnistung Archimetra
Uterine Peristaltik f√ľr
Retrograde Menstruation
Gerichteten Samentransport
Hohe fundale Implantation Archimetra
Uterine Infektabwehr Archimetra
B. Primär vom Conceptus gesteuerte Funktionen

Bildung des m√ľtterlichen Teils der Plazenta Archimetra
Wachstum Archimetra/Neometra
Ausstoßung des Conceptus Neometra

Tabelle 4: Tabellarische Darstellung der Funktionen von Archimetra und Neometra im Fortpflanzungsproze√ü. Die Funktionen der Archimetra werden √ľberwiegend vom Ovar, die der Neometra √ľberwiegend vom Embryo bzw. vom Feten gesteuert.

1. Aufbau (Proliferation) und Umwandlung des Endometrium f√ľr die Implantation des Embryos:

Nach der Regelblutung, bei der ein Teil des Endometrium abgesto√üen wird, kommt es unter dem Einflu√ü von √Ėstrogenen durch Proliferationsvorg√§nge im verbliebenen Rest zum Wiederaufbau, der zum Zeitpunkt der Ovulation abgeschlossen ist. Unter dem anschlie√üenden Einflu√ü des Gelbk√∂rperhormons Progesteron wird die Schleimhaut in einer Weise umgewandelt (transformiert), die zur Aufnahme des befruchteten Eies bef√§higt. Proliferation und Transformation sowie eventuelle Absto√üung des Endometriums bei Ausbleiben einer Schwangerschaft gehen mit strukturellen und biochemischen Ver√§nderungen einher, von der alle Schichten der Archimetra, Epithelschicht und Stroma der Schleimhaut sowie die Muskulatur des Stratum subvasculare, betroffen sind. Diese Ver√§nderungen werden durch die Hormone des Ovars kontrolliert.



Abbildung 4: Die peristaltische Aktivität des Uterus während des menstruellen Zyklus. Aufgetragen ist die Frequenz der peristaltischen Aktivität (Kontraktionen pro Minute) in den verschiedenen Zyklusphasen bei Frauen ohne und mit Endometriose. Die Phase kurz vor dem Eisprung wird als "spät-follikuläre" Phase bezeichnet. In dieser Phase sind die Kontraktionen bei Frauen mit Endometriose häufig irregulär (dysperistaltisch). Mitt-lut. = Mitte der Lutealphase.

2. Uterine Peristaltik:

Die Zirkulärmuskulatur des Stratum subvasculare kontrahiert sich in peristaltischen Wellen, die im Gebärmutterhals beginnend bis in die Abgänge der Eileiter wandern. Die peristaltischen Wellen ändern sich während des Zyklus unter dem Einfluß der ovariellen Hormone. Die kräftigsten Kontraktionswellen mit höchster Frequenz werden zum Zeitpunkt der Ovulation beobachtet (Abbildung 4).

Der gerichtete Spermientransport: Spermien befinden sich bereits in weniger als einer Minute nach dem Verkehr im Eileiter, auf dessen Seite der Eisprung stattfindet. Dieser schnelle Spermientransport ist eine aktive Funktion des Uterus und nicht auf die Eigenbeweglichkeit der Spermien zur√ľckzuf√ľhren ist. Der gerichtete Spermientransport steht unter dem hormonellen Einflu√ü des sprungbereiten Follikels. Er wird dadurch erm√∂glicht, da√ü sich die Ringmuskulatur im oberen Anteil des Geb√§mutterk√∂rpers im Bereich der sog. fundo-cornualen raphe (Nahtstelle) aufteilt und in die Ringmuskulatur der jeweiligen Eileiter √ľbergeht. Durch eine besondere Blutversorgung dieses oberen Anteils der Geb√§rmutter (utero-ovarielles Gegenstromsystem) wird sichergestellt, da√ü die Ringmuskulatur auf der Seite des dominanten Follikels st√§rker als die der Gegenseite aktiviert wird, wodurch die Spermien bevorzugt in den entsprechenden Eileiter transportiert werden (Abbildung 5).



Abbildung 5: Darstellung der fundo-cornualen Raphe der Zirkul√§rmuskulatur (Stratum subvasculare). Diese Struktur erm√∂glicht den gerichteten Transport der Spermien in den Eileiter, auf dessen Seite die Ovulation zu erwarten ist. Vom dominanten Follikel gehen √ľber das utero-ovarielle Gegenstromsystem hormonale Impulse unmittelbar zu einer Uterusseite, so da√ü eine asymmetrische Funktion des Uterus m√∂glich ist. Die uterine Peristaltik ist aktiv, sobald in der Pubert√§t die Eierst√∂cke mit einer vermehrten Hormonproduktion beginnen. Die fundo-cornuale¬†Raphe stellt daher wegen der gegengerichteten Faserkontraktionen und vor allem bei Hyperperistaltik einen Ort von Dauerbeanspruchung und chronischer Mikrotraumatisierung dar.

Es funktioniert daher der Uterus im Hinblick auf den Samentransport entsprechend seiner Entwicklungsgeschichte wie ein doppelt angelegtes Organ. Der sprungbereite Follikel hat einen unmittelbaren hormonalen Einfluß auf das auf seiner Seite befindliche Uterushorn. Diese funktionelle Zweiteilung ist auch beim Menschen im Hinblick auf die Funktion der uterinen Peristaltik erhalten geblieben (Abbildung 6).



Abbildung 6: Beim Nagetier existieren zwei Uterush√∂rner. Beim Menschen sind diese H√∂rner in der fr√ľhen Embryonalperiode fusioniert. Als Ausdruck dieser Fusion √ľberkreuzen sich an der Uterusvorder- sowie Hinterwand und am Uterusdach die zirkul√§ren Muskelfasern des Stratum subvasculare und bilden eine Raphe (Naht). Der eingerahmte Bereich zeigt den direkten hormonalen Einflu√ü des sprungbereiten Follikels auf die muskul√§re Aktivit√§t des entsprechenden Uterushorns.

Hohe fundale Implantation: Seltenere und schw√§chere Kontraktionen am Ende des Zyklus sorgen daf√ľr, da√ü der Embryo, sobald er vom Eileiter in die Geb√§rmutter √ľbertritt, hoch in der Geb√§rmutter eine Einnistungsstelle findet und nicht zu weit nach unten wandert.

Retrograde Menstruation: W√§hrend der Regelblutung herrschen zum Aussto√üen der abgesto√üenen Schleimhaut fundo-zervikale Kontraktionen vor (Abbildung 4). Bereits w√§hrend der Regelblutung kommt es zu einem Richtungswechsel mit Zunahme der zerviko-fundalen Kontraktionen, die zur retrograden Menstruation f√ľhren. Dieses offensichtlich physiologische Geschehen dient vermutlich der Verringerung des blutungsbedingten Eisenverlustes. Bei jungen Frauen gibt es das Krankheitsbild der sogenannten "juvenilen Blutung", das vor der √Ąra der K√ľrettage und der Hormontherapie durch die Blutungs- und Eisenmangelan√§mie lebensbedrohlich sein konnte. Der Eisensparmechanismus durch retrograde Menstruation bot somit in der Evolution einen Gesundheitsvorteil und hat sich daher bis heute als physiologischer Mechanismus erhalten. Obwohl mit ihr grunds√§tzlich das Einschwemmen von Zellen in die Bauchh√∂hle verbunden ist, bot sie gleichzeitig keinen gravierenden evolution√§ren Nachteil, der z.B. darin best√ľnde, wenn die retrograde Menstruation per se zu einer Endometriose f√ľhren w√ľrde.

3. Infektionsabwehr:

Der Genitalkanal stellt eine K√∂rper√∂ffnung dar und ist somit potentiell eine Eingangspforte f√ľr Infektionserreger. Der Schleim im Geb√§rmutterhalskanal wirkt in keiner Phase des Zyklus als Barriere gegen den Aufstieg von kleinen Partikeln wie z.B. Keimen in die Geb√§rmutterh√∂hle. Infolge der uterinen Peristaltik mit der prim√§ren Funktion des Samentransportes werden unvermeidbar auch andere Partikel in die Geb√§rmutter transportiert. Die Kohabitation, die in der Evolution nahezu ausschlie√ülich zum Zeitpunkt des Ovulation stattfindet, ist unter dem Aspekt der Genitalinfektion ein kritischer Moment. Ein komplexes Abwehrsystem existiert daher in der Archimetra, welches, wie die anderen archimetralen Funktionen, vom Ovar gesteuert wird. Die Geb√§rmutterh√∂hle wird mit Makrophagen besiedelt, die durch das Makrophagen-chemotaktische Protein 1 (MCP-1) des Endometriums angelockt werden. Die Besiedlung mit Makrophagen erreicht in Zyklusmitte ein Maximum. Vom Endometrium wird in der Proliferationsphase ein Mucopolysaccharid abgesondert (MUC-1), bei dessen Fehlen Laboratoriumstiere Genitalinfektionen bekommen. Ab dem Zeitpunkt des Eisprungs wird die Archimetra mit wei√üen Blutk√∂rperchen durchsetzt, die w√§hrend der Gelbk√∂rperphase vom Stratum subvasculare durch das endometriale Stroma zum epithelialen Endometrium wandern. Das uterine System zur Infektabwehr entfaltet demnach seine h√∂chste Aktivit√§t zum Zeitpunkt des Eisprunges und danach, so da√ü die Implantation des Embryos und die Entwicklung der Schwangerschaft in einer praktisch keimfreien Geb√§rmutter erfolgt.
Es werden auch in die Geb√§rmutterh√∂hle eindringende Spermien als fremd erkannt und vom Infektabwehrsystem attackiert. Zum Schutz vor Makrophagen werden daher Spermien durch die peristaltische Pumpe des Uterus in einem Tropfen Zervixschleim aus dem Geb√§rmutterhalskanal in den Schleim des uterusnahen Anteils des Eileiters transportiert, so da√ü Spermien normalerweise keinen unmittelbaren Kontakt mit dem Organismus bzw. dem Abwehrsystem der Frau haben. Auf diese Weise sind die f√ľr die Befruchtung vorgesehenen Spermien vor Makrophagen und der Organismus der Frau gleichzeitig vor der Bildung von Antik√∂rpern gegen Spermien gesch√ľtzt. In der Geb√§rmutter verbliebene und nicht von Schleim umh√ľllte Spermien werden von den Makrophagen schnell phagozytiert und zerst√∂rt.

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Gerhard Leyendecker