Ferticon  
 
Wirkungsweise von Hormonen

  Inhaltsverzeichnis

  7.2. Plastizität: Sexualsteroide "modellieren" das Gehirn

8. Progesteron hilft Spermien auf die Sprünge

Manch einen mag es erstaunt haben, daß es doch relativ lange gedauert hat bis 1978 das erste "Retortenbaby" das Licht der Welt erblickte, und dieses Ereignis als wahre Sensation gefeiert wurde. Daraus ist folgerichtig zu entnehmen, daß erst etliche Schwierigkeiten überwunden werden mußten, um im "Reagenzglas" das nachzuvollziehen, was in der Natur so unkompliziert abläuft . Das liegt im wesentlichen daran, daß Spermien, so wie sie im frischen Ejakulat vorkommen, noch nicht imstande sind, eine Eizelle zu befruchten. Erst nachdem sie sich durch den Muttermund und die Gebärmutterhöhle in die Eileiter vorgekämpft haben, erlangen männliche Keimzellen die Fähigkeit zur Befruchtung. Demnach erfahren die männlichen Keimzellen im weiblichen Genitaltrakt noch komplexe Veränderungen, die für die Fertilisation erforderlich sind. In-vitro-Fertilisation, d. h. die Befruchtung außerhalb des Mutterleibes, war somit ohne genaue Kenntnis dieser biochemischen Prozesse nicht möglich.

Heute weiß man, daß insbesondere auch Progesteron im Rahmen der eine Rolle spielt. Es wirkt unmittelbar auf Spermien ein und erreicht diese durch die Follikel-Flüssigkeit, die beim Eisprung in die Eileiter gelangt.

In der Membran, die den Spermienkopf umgibt, sind verschiedene Rezeptoren lokalisiert, an die Progesteron andocken kann. Bei diesen handelt es sich wie beim GABA-Rezeptor (7.1.) um Ionen-Schleusen in der Plasmamembran. Und in ähnlicher Weise wie beim GABA-Rezeptor führt die Bindung von Progesteron dazu, daß Chlorid-Ionen und in diesem Fall auch Calcium-Ionen in das Plasma der Keimzelle einströmen können.

Durch den Einstrom der Calcium und Chloridionen werden die Spermien agiler. Etliche werden sogar hyperaktiv und können sich bei ihrer Wanderung durch den Eileiter mit peitschenartigen Schlägen ihres Schwanzes gegen den Sekretstrom rascher fortbewegen. Das hilft ihnen auch, sich zu befreien, wenn sie an der Zelloberfläche von Eileiter-auskleidenden Zellen anhaften oder in Schleimhautfalten geraten. Ferner ist die Progesteron-Wirkung an der Akrosomen-Reaktion beteiligt, bei der sich die Kappe auf den Spermienkopf auflöst und Enzyme freigesetzt werden, die dem Spermium eine regelrechte Bresche durch die Schutzhülle der Eizelle schlagen.

Wahrscheinlich sind die Reaktionen der Spermien mit Progesteron für die Fertilität unverzichtbar. Jedenfalls konnte bei einigen Fällen von ungeklärter Infertilität nachgewiesen werden, daß die Fähigkeit von Progesteron, an die Spermien-Oberfläche zu binden, signifikant beeinträchtigt war.

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Gerhard Leyendecker