Ferticon  
 
Pränataldiagnostik

  Inhaltsverzeichnis

  1.6 Fehlbildungen        2.2 Kopf und zentrales Nervensystem

2. Ultraschall im zweiten Schwangerschaftsdrittel

2.1 Ziel und Vorgehensweise

Gemäß den Mutterschaftsrichtlinien erfolgt in der Schwangerschaft die routinemäßige zweite Ultraschalluntersuchung zwischen der 20. und 22. Schwangerschaftswoche.
Dabei werden folgende Fragen beantwortet:

  • Hat sich die Schwangerschaft der Gr√∂√üe und den Proportionen nach unauff√§llig weiterentwickelt?

  • Wo ist die Plazenta lokalisiert? K√∂nnte es aufgrund einer ung√ľnstigen Plazentalokalisation im weiteren Verlauf der Schwangerschaft zu Komplikationen kommen?

  • Gibt es Hinweiszeichen f√ľr eventuelle fetale Fehlbildungen?

  • Sollte eine Kontrolluntersuchung bei einem erfahrenem Ultraschalldiagnostiker veranla√üt werden?


Aufgrund des nach der ersten Ultraschalluntersuchung im ersten Schwangerschaftsdrittel genau festgelegten Entbindungstermines erfolgt eine √úberpr√ľfung der normalen weiteren zeitgerechten Entwicklung des Feten (Biometrie). Dazu werden eine Reihe von genau definierten Ma√üen abgegriffen:
  • Biparietaler Kopfduchmesser BIP (Querdurchmesser des Kopfes im Horizontalschnitt)

  • Fronto-okzipitaler Kopfduchmesser FOD (L√§ngsdurchmesser des Kopfes im Horizontalschnitt)

  • Querer Thorax- bzw. Abdomendurchmesser THQ/AQ (Querdurchmesser des Brustkorbes bzw. des Bauches etwa in Magenh√∂he)

  • Anterior-posteriorer Thorax- bzw. Abdomendurchmesser THAP/AAP (L√§ngsdurchmesser des Brustkorbes bzw. des Bauches etwa in Magenh√∂he)

  • emurl√§nge FL (L√§nge des Oberschenkelknochens)

F√ľr alle diese Me√üstrecken gibt es genau definierte Me√üebenen. Sollten sich beim Vergleich der erhobenen Befunde Abweichungen zu den Normwerttabellen ergeben, sind fakultativ der Kopfumfang KU bzw. der Abdomenumfang AU zu vermessen und zu korrelieren.
In diesen Schwangerschaftswochen ist der Kopf in seinen Durchmessern noch gr√∂√üer als der K√∂rper. Eine zu gro√üe Diskrepanz ist jedoch als auff√§llig und abkl√§rungsbed√ľrftig einzustufen. Im Zweifelsfalle ist eine √úberweisung an eine Ultraschall-Spezialsprechstunde angeraten.

Die Plazenta bildet sich manchmal an einem relativ muttermundsnahen Abschnitt der Geb√§rmutter aus. In diesem Falle kann es bei leichten Kontraktionen des dehnungsaktiven unteren Abschnittes des Geb√§rmuttermuskels zu Blutungen aus den Plazentarandgef√§√üen kommen. Dies l√§√üt sich in den meisten F√§llen durch Bettruhe und Vermeidung von k√∂rperlichen Anstrengungen ausreichend behandeln. Im weiteren Verlauf der Schwangerschaft ‚ÄĚmigriert‚ÄĚ die Plazenta zusammen mit dem sich immer weiter dehnenden unteren Geb√§rmuttersegment vom inneren Muttermund weg und stellt somit kein Geburtshindernis dar.
Anders sieht es in den seltenen F√§llen aus, in denen die Plazenta teilweise oder vollst√§ndig √ľber den inneren Muttermund ragt. Es handelt sich hierbei um ein echtes Geburtshindernis f√ľr eine normale Entbindung. Dar√ľber hinaus k√∂nnen schon leichte Er√∂ffnungsvorg√§nge des Muttermundes durch die teilweise Abl√∂sung der Plazenta zu mitunter sehr starken Blutungen f√ľhren.
Diese stellen eine akute Gef√§hrdung f√ľr das Leben der Mutter und des Kindes dar. Deshalb ist eine station√§re Beobachtung der Schwangeren dringend zu empfehlen.
Au√üerdem k√∂nnen Volumen und Strukturauff√§lligkeiten der Plazenta auf eine Fehlbildung hindeuten. So sind z.B. eine sehr dicke Plazenta (√ľber 6 cm), stark reflektierende Echos in der Plazenta sowie √ľber die gesamte Plazenta verteilte echoleere Areale (‚ÄĚLochmuster‚ÄĚ) als Hinweiskriterien f√ľr das Vorhandensein einer Entwicklungsst√∂rung zu werten. Das gleiche trifft f√ľr das Fehlen einer der beiden Nabelschnurarterien zu.

Die Fruchtwassermenge nimmt zwischen der 16. und 20. Schwangerschaftswoche durchschnittlich um 50 ml pro Woche zu und erreicht somit in der 20. Schwangerschaftswoche ein Volumen von etwa 400 ml. Eine genaue Bestimmung der vorhandenen Fruchtwassermenge gestaltet sich jedoch √§u√üerst schwierig. Deshalb wird dazu h√§ufig von einem auf Erfahrung beruhenden rein optischen Gesamteindruck ausgegangen. Von einem Hydramnion (zu viel Fruchtwasser) wird gesprochen, wenn der Fetus nochmals bequem in der Fruchth√∂hle Platz h√§tte. Ein Oligohydramnion (zu wenig Fruchtwasser) liegt vor, wenn zwischen Fetus, Plazenta und Geb√§rmutterwand nur kleine Fruchtwasserareale zu sehen sind. Ist √ľberhaupt kein Fruchtwasser nachweisbar, handelt es sich um eine Anhydramnie.
Alle drei Ver√§nderungen der Fruchtwassermenge bed√ľrfen einer eingehenden Abkl√§rung durch eine gezielte Ultraschall- bzw. Labordiagnostik. Erfahrungsgem√§√ü liegt die Fehlbildungsrate in diesen Gruppen bei etwa 30 %. Auch Erkrankungen der Schwangeren k√∂nnen zu einer Fruchtwasservermehrung (Schwangerschaftsdiabetes, Virusinfektionen, Rhesus- und Blutantik√∂rperkonflikt) bzw. -verminderung (Bluthochdruck, Nierenerkrankun-gen) f√ľhren.

Auff√§llige Befunde der K√∂rperumrisse, fehlende Darstellung von Magen oder Harnblase, zus√§tzliche Fl√ľssigkeitsdarstellung oder echoreiche Strukturen im K√∂rperinneren des Feten, schlechte Darstellbarkeit der Extremit√§ten, Herzrhythmusst√∂rungen und Dysproportionen sollten durch einen erfahrenen Untersucher abgekl√§rt werden. Dabei gilt im allgemeinen, da√ü nach der Feststellung eines Hinweiszeichens unbedingt nach weiteren gesucht werden mu√ü, denn es sind h√§ufig Kombinationen derselben zu finden. Mit zunehmenden Zahl der Hinweiszeichen steigt erfahrungsgem√§√ü auch die Wahrscheinlichkeit f√ľr das tats√§chliche Vorliegen einer Fehlbildung.
Kann bei einer Erstuntersuchung keine eindeutige Diagnose gestellt werden, sollte eine √úberweisung in ein entsprechend qualifiziertes Zentrum veranla√üt werden. Dort erfolgt dann der Ausschlu√ü, die Best√§tigung oder die Korrektur des ge√§u√üerten Verdachtes. Dies ist mitunter extrem wichtig f√ľr die Prognose und eventuelle Behandlungsplanung.

Generell betr√§gt das Fehlbildungsrisiko f√ľr jede Schwangerschaft in der BRD 3 ‚Äď 4 %. Nur 0,5 % aller Feten weisen eine auf einem nachweisbaren Gendefekt beruhende Fehlbildung auf. Ein unauff√§lliges Ergebnis einer vorgeburtlichen genetischen Untersuchung bedeutet somit nicht automatisch, da√ü das zu erwartende Kind auch k√∂rperlich und geistig v√∂llig gesund ist.
Bei einer gezielten Organdiagnostik mittels Ultraschalluntersuchung in der 22./23. Schwangerschaftswoche durch einen erfahrenen Frauenarzt mit entsprechender ger√§tetechnischer Ausr√ľstung k√∂nnen jedoch etwa 90 % dieser Entwicklungsst√∂rungen erkannt werden (Tab.2).
Der vorgeburtliche Nachweis einer Fehlentwicklung bedingt unweigerlich die Fragen nach der Lebensf√§higkeit, der zu erwartenden Lebensqualit√§t sowie eventuell notwendigen Behandlungen nach der Geburt. Die Beratung hierzu erfolgt in ausf√ľhrlichen individuellen Aufkl√§rungsgespr√§chen. Eine nachgewiesene Erkrankung des ungeborenen Kindes fordert von Eltern und √Ąrzte mitunter schwerwiegende Entscheidungen, gilt es doch das Lebensrecht des kranken Kindes gegen die Interessen der Mutter abzuw√§gen.

Anzahldavon nicht lebensfähig% aller Schwangerschaften% aller Fehlbildungen
1. Genetische Defekte65 25 1,17 22,03
2. Herzfehlbildungen 4411 0,7914,91
3.Verdauungsorgane,
Bauchdeckenspalten
3530,6311,86
4.Komplexe Fehlbildungen660,112,03
5. Urogenitalsystem105101,8935,59
6. Skelettanomalien3210 0,5810,85
7.Mehrlingsspezifische
Fehlbildungen
840,142,71
8.Zentrales Nervensystem,
Wirbelsäule
39190,7013,22
9. Nicht durch Blutantikörper
bedingte Wassersucht
8 40,142,71
10.fr√ľhe Mangelentwicklung10,234,41

Tab.2 √úbersicht fetaler Fehlbildungen Frauenklinik Klinikum Darmstadt (1.9.1995 bis 30.9.99)

Hierbei ist zu beachten, da√ü nur etwa ein Viertel aller kindlichen St√∂rungen mit dem Leben nicht vereinbar sind. Alle anderen Kinder profitieren von der rechtzeitigen vorgeburtlichen Diagnosestellung. Es bleibt fast immer ausreichend Zeit, die Entbindung in einem entsprechend kinder√§rztlich profilierten Zentrum zu planen bzw. den weiterbehandelnden Kinder√§rzten ausreichende Informationen f√ľr eventuell notwendige Untersuchungen nach der Geburt zu √ľbermitteln. Somit tr√§gt die vorgeburtliche Diagnostik entgegen immer wieder zu registrierender negativer Polemik vorrangig zur Lebenserhaltung bei. Umfangreiche Studien haben belegt, da√ü die Angst vor Mi√übildungen an der Spitze subjektiver Angstgef√ľhle bei schwangeren Frauen steht. Die vorgeburtlichen Untersuchungen befreien in rund 97 % die Eltern von dieser Monate w√§hrenden Angst und k√∂nnen selbst beim Nachweis einer lebensf√§higen Fehlbildung die Grundlage zu einer bewu√üten Entscheidung f√ľr das ungeborene Kind legen.

  1.6 Fehlbildungen        2.2 Kopf und zentrales Nervensystem
  Newsletter
  abonnieren?

Gerhard Leyendecker