Ferticon  
 
PrÀnataldiagnostik

  Inhaltsverzeichnis

  2.7. Sonstige Organsysteme        3. Risikobeurteilung für Chromosomenstörungen

2.8. Mehrlingsschwangerschaften

Mehrlingsschwangerschaften weisen gegenĂŒber Einlingsschwangerschaften eine 3-4 mal höhere Neugeborenensterblichkeit auf. Dies wird durch eine deutlich höhere FrĂŒhgeburtenrate, oftmals ungĂŒnstige Lage der Kinder, hĂ€ufigeres Auftreten von Mangelentwicklungen und daraus resultierender Gestose (Schwangerschaftsvergiftung) sowie durch eine erhöhte Fehlbildungsrate bedingt. Deshalb nehmen die Mehrlingsschwangerschaften auch in der Ultraschalldiagnostik einen besonderen Stellenwert ein.
Sonographische Kontrollen sollten in vierwöchigen, im letzten Schwangerschaftsdrittel in 14tĂ€gigen AbstĂ€nden durchgefĂŒhrt werden. Neben einem gezielten Mißbildungsausschluß in der 22./23. Schwangerschaftswoche gilt das Augenmerk hierbei besonders eventuellen Diskrepanzen der Fruchtwassermengen sowie des Wachstums der Mehrlinge, VerkĂŒrzungen des GebĂ€rmutterhalses als Zeichen einer drohenden Fehl- oder FrĂŒhgeburt, Anzeichen fĂŒr ein Zwillingstransfusionssyndrom (Feto-fetales Transfusionssyndrom, FFTS).
Dieser Zustand tritt bei Zwillingen auf, die zwar getrennte Amnionhöhlen aber nur eine gemeinsame Chorionhöhle haben (s.I.4.), wobei die beiden Plazenten oftmals sehr nahe nebeneinander zur Ausbildung kommen. In diesen FĂ€llen können zwischen den durch die inneren EihĂ€ute getrennten Nachgeburten GefĂ€ĂŸquerverbindungen (Anastomosen) entstehen, so daß ein teilweiser Blutaustausch beider Feten erfolgt. Dies kann je nach Anzahl und Durchmesser der Anastomosen zu einem mehr oder weniger schwer ausgeprĂ€gten FFTS fĂŒhren. Durch Blutflußunterschiede wird der eine Mehrling (Rezeptor) auf Kosten des anderen (Donor) bevorzugt versorgt. Infolge dessen bleibt der Donor in seinem Wachstum zurĂŒck, die Durchblutung der Körperorgane, besonders der Nieren, wird zu Gunsten der Versorgung des Gehirns auf ein Minimum gedrosselt, die Urinproduktion ist dadurch stark herabgesetzt. Dadurch kommt es bei diesem Feten zu einer deutlichen Fruchtwasserverminderung bis hin zum völligen Verlust desselben. Es entsteht somit fĂŒr den Donor eine lebensbedrohliche Situation. Im Gegensatz dazu ist die Ausscheidung des Rezeptors durch das Überangebot an Blutvolumen ĂŒbermĂ€ĂŸig forciert, wodurch es zu einer extremen Fruchtwasservermehrung in dessen Fruchthöhle kommt. Auch dieser Zustand kann zu schweren Störungen bis hin zum Absterben des Feten fĂŒhren. Zur Behandlung des FFTS können wiederholte entlastende Fruchtwasserpunktionen beim Rezeptor durchgefĂŒhrt werden. Dadurch kommt es zu einer zwischenzeitlichen Verbesserung des Zustandes der Zwillinge. In den letzten Jahren werden beim FFTS in immer grĂ¶ĂŸerem Umfang in wenigen Zentren Laserverödungen der Anastomosen vorgenommen. Dabei geht man mit einer schmalen optischen Vorrichtung (Fetoskop) durch die Bauchdecke und den GebĂ€rmuttermuskel in die Fruchthöhle ein, sucht die entsprechenden GefĂ€ĂŸe auf und verödet diese unter Sicht mit einem feinen Laser. Anschließend wird die ĂŒberschĂŒssige Fruchtwassermenge aus der Fruchthöhle abgelassen. Durch diese Therapiekonzepte konnte die Überlebensrate von mindestens einem gesunden Kind deutlich verbessert werden.

Eine mehrlingstypische Fehlbildung stellt der Thorakopagus (siamesische Zwillinge) dar (Abb.26). Dieses seltene Ereignis (in der BRD etwa 20 pro Jahr) tritt ausschließlich bei eineiigen Zwillingen, die eine gemeinsame Fruchthöhle besitzen, auf (s.I.4.). Mitunter gelingt der sonographische Nachweis am Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels, in den meisten FĂ€llen jedoch zu einem spĂ€teren Zeitpunkt.
Bei einer ausfĂŒhrlichen Ultraschalluntersuchung muß geklĂ€rt werden, an welcher Stelle die Zwillinge miteinander verschmolzen sind und ob eine Trennung nach der Geburt möglich ist. In vielen FĂ€llen haben die Feten einen gemeinsamen Brustkorb mit nur einem Herzen, was eine ĂŒberlebensfĂ€hige Trennung so gut wie unmöglich macht.

Abb. 26
Abb.26 Siamesische Zwillinge 11. Schwangerschaftswoche



Noch seltener ist der parasitĂ€re Zwilling. Neben einem normal entwickelten Mehrling findet man hierbei einen Akranius (vollstĂ€ndiges Fehlen des SchĂ€dels) und/oder Acardius (Fehlen des Herzes). Beide VerĂ€nderungen sind nicht lebensfĂ€hig und stellen darĂŒber hinaus durch parasitĂ€re Blutumverteilung eine ernsthafte Gefahr fĂŒr den gesunden Zwilling dar. Zur Rettung desselben macht sich eine Unterbrechung der Blutzufuhr in der Nabelschnur bzw. der Blutzirkulation in der Hauptschlagader des Parasiten durch Einspritzen eines speziellen Klebers notwendig. Dies erfolgt ausschließlich in speziellen Zentren.

  2.7. Sonstige Organsysteme        3. Risikobeurteilung für Chromosomenstörungen
  Newsletter
  abonnieren?

Gerhard Leyendecker